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„Ihr habt die Verantwortung für das,
was heute ist!“

Die Zeitzeugin Hedy Epstein zu Besuch im Erlanger Jugendhaus (Januar 2007)
 

Die Zeitzeugin Hedy EpsteinHedy Epstein war schon zum zweiten Mal aus den USA im Großraum Erlangen-Nürnberg zu Besuch. Sie ist eine sehr gefragte Zeitzeugin, manchmal hält sie in Schulen und vor Jugendgruppen bis zu drei Vorträgen an einem Tag! Dass sie schon 83 Jahre alt sein soll, merkt man ihr nicht an. Auf die Frage, wie man denn die NS-Zeit und die Verfolgungen im Nationalsozialismus noch vermitteln könne, wenn es keine ZeitzeugInnen mehr gäbe, antwortet sie strahlend, das sei kein Problem, denn: „Ich werde noch hundert Jahre leben!“

Die Zeitzeugin Hedy EpsteinDie Zeitzeugin Hedy Epstein war sehr interessiert an dem Erlanger Jugendhaus und den Aktivitäten und Ideen der Jugendlichen. Sie selbst ist ein politisch äußerst wachsamer und aktiver Mensch. In den USA ist sie häufig auf Demonstrationen gegen den Irak-Krieg unterwegs oder setzt sich für die Rechte von Minderheiten ein.

 

Die Zeitzeugin Hedy Epstein bei ihrem VortragEin Zusammentreffen mit den Jugendlichen des selbst organisierten autonomen Jugendhauses in Erlangen fand dann aber wenige Tage später statt.

 

Hedys Geschichte in der Nazizeit

Bei dem Treffen erzählte die Zeitzeugin ihre eigene Geschichte unter nationalsozialistischer Herrschaft:
Fotos von Hedy und ihren Eltern aus Hedys JugendzeitWie sie unter dem immer schlimmer werdenden Antisemitismus in ihrer badischen Heimat litt, was in der Reichspogromnacht 1938 passierte und wie man ihren Vater in das Konzentrationslager Dachau verschleppte. Wie nach der Freilassung ihres Vaters aus dem KZ ihre Eltern verzweifelt versuchten, Deutschland zu verlassen und schließlich nur sie mit einem Kindertransport nach England gerettet wurde.
Ihren Eltern allerdings gelang die Flucht nicht mehr: 1940 wurden sie von den Deutschen in ein Lager nach Gurs in Frankreich verschleppt und von dort nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Mehr zu Hedys Lebensgeschichte -> 

 

Fragt mich!

Die Gelegenheit, der Rednerin nach ihren Ausführungen noch Fragen zu stellen, wurde von den Jugendlichen ausgiebig in Anspruch genommen.

Zum Beispiel:

„Was sagen Sie heute über die Leute, die behaupten, sie hätten von nichts gewusst?“
 

Hedy Epstein: „Denen antworte ich zum Beispiel, dass in Kippenheim, wo ich herkomme, die jüdischen Männer nach der Reichspogromnacht am helllichten Tag durch die Straßen marschieren mussten. Auf dem ganzen Weg von Kippenheim zum Bahnhof in Lahr, das sind ungefähr 7 oder 8 km, waren viele auf der Straße, die das gesehen haben, sie haben gejauchzt und gejubelt. Man hat extra an diesem Tag die Schüler aus der Schule entlassen, damit sie auf der Straße sein und zuschauen konnten.“

Andere wollten wissen, was mit ihrem Wohnhaus und ihren Sachen nach der Deportation ihrer Eltern geschehen ist:
 

Das Wohnhaus von Hedys FamilieHedy Epstein:„Kurz nachdem die jüdischen Leute abtransportiert waren, hat man eine Versteigerung gemacht mit all dem, was zurück geblieben ist.
Zum Beispiel hat eine Frau vor ein paar Jahren zu mir gesagt: ‚Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass da eine Versteigerung war, und mein Vater zu mir sagte, ich werde versuchen, Hedys Fahrrad für dich zu bekommen, und ich habe Ihr Fahrrad bekommen.’ Das sagte sie ganz stolz zu mir! Und dann hat sie sich noch beschwert, dass der Reifen vom Hinterrad kaputt gegangen sei und man während des Krieges nichts bekommen konnte: ‚Das können Sie sich gar nicht vorstellen, Sie waren ja nicht mehr da, damals, da wissen Sie ja gar nicht, wie schlimm das hier war.’“

 

Und heute? Was tun!

Bei der anschließenden Diskussion ging es aber nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die politischen Aktivitäten heutzutage. Viele Fragen der Jugendlichen hatten aktuellen Bezug:

So fragte einer, bei dem auf der Arbeitsstelle viele Nazis und Menschen mit rechtem Gedankengut arbeiteten, wie er an solche Leute rankommen könne? Wenn man was gegen sie sage, werde man entweder ausgelacht oder mit fadenscheinigen Äußerungen beruhigt, dass man das doch alles nicht so ernst nehmen solle.
 

Hedy Epstein: „Das ist schwierig, vielleicht ist es sogar gefährlich mit solchen Leute zu sprechen, aber wenn man es nicht tut, wird sich nichts ändern. Nur wenn man Stellung bezieht und dagegen spricht, können wir es schaffen, dass diese Leute nicht so viel Kraft und Zeit haben, das zu tun, was sie tun. Denn wenn man nichts sagt, dann ist man ein Zuschauer und Zuhörer. Als Zuschauer ist man auch verantwortlich für das, was geschieht und nicht geschieht.“

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Nazis im eigenen Lebensumfeld zu haben, ist offenbar ein großes Thema. Deswegen wurde hier noch mal nachgefragt.

Nazis bildeten unter den Kollegen die Mehrheit, aber man könne ja auch nicht die ganze Zeit mit denen streiten, man müsse ja täglich mit ihnen zusammen sein.
 

Hedy Epstein: „Anstatt zu kritisieren, was diese Leute machen, fällt es vielleicht leichter zu erzählen, was man selbst macht. Sie waren heute hier, haben mir zugehört, vielleicht können Sie darüber etwas erzählen. Ich weiß nicht, wie das bei diesen Leuten ankommen wird, das können Sie besser einschätzen.
Während der Nazizeit gab es viele Leute, die nichts getan und gesagt haben. Hätte man früher etwas gesagt und getan, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen, wie es wirklich kam. 1944 dann endlich zu sagen, ja, ich bin dagegen, war dann natürlich zu spät. Aber wenn man bereits 1933 oder sogar noch vor 1933, bevor sie an die Macht kamen, gegen sie gesprochen hätte, hätte es vielleicht einen Unterschied gemacht.“

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Die Anwesenden beschäftigte auch die Frage, ob Hedy Epstein der Meinung sei, dass man als Deutsche die Verantwortung für die begangenen Verbrechen übernehmen müsse?
 

Hedy Epstein: „Sie sind viel zu jung, Sie haben damals noch nicht gelebt. Sie haben keine Verantwortung für das, was war. Aber Sie haben eine Verantwortung für das, was heute ist. Und diese Verantwortung müssen Sie übernehmen.“

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Eine andere Jugendliche bekräftigte, dass Jugendliche gegen Rechtsradikalismus und Faschismus vorgehen müssten, egal, ob sie aus Deutschland oder aus einem anderen Land kämen. 

 

 

Dieses Projekt wurde gefördert von:
Aktion „die Gesellschafter“ der Aktion Mensch

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